Leseprobe

Neugierig auf Alexandras Abenteuer in Mondthal? Hier kommt eine Leseprobe!

  1. Im Garten des Einhorns

 Alexandra

„Alexandra!“
Immer, wenn es so spannend war, musste irgendjemand etwas von ihr wollen. Mama natürlich, wer sonst. Alexandra seufzte, klappte das Buch zu und stand widerwillig auf.
„Was ist denn schon wieder?”
„Geh mal schnell in den Supermarkt, wir brauchen noch was zum Abendessen. Ich muss weg, zum Friseur, ich bin eh schon spät dran.“
Alexandra zuckte mit den Schultern. Kekse und Chips waren sicher noch da. Aber sie schnappte sich das Portemonnaie ihrer Mutter, Einkaufszettel und Tasche und ging hinunter zu ihrem Fahrrad. Unterwegs konnte sie die Geschichte von Taran zum Glück weiterspinnen. Sie hatte Lloyd Alexanders Bücher schon mindestens dreimal gelesen, aber war immer noch von ihnen fasziniert. Genauso wie von anderen Fantasy-Romanen, für die sie fast ihr ganzes Taschengeld ausgab.

Mechanisch legte sie im Supermarkt Kopfsalat, Avocados, Tomaten, Wurst und Käse in den Einkaufswagen und träumte an der Kasse weiter vor sich hin. Was wäre, wenn jetzt hier der König des Reiches Mona auftauchen würde, dachte sie. Der Mann in der Schlange nebenan zum Beispiel. Er war groß, breitschultrig und hatte lockige, dunkelbraune Haare. Ja, das konnte hinkommen. Allerdings hatte er kein Schwert dabei, sondern nur ein Handy, in das er mit der einen Hand eine SMS einhackte, während er mit der anderen den Wagen weiterschob. Wozu Warteschlangen an der Kasse doch gut waren!

Alexandra mochte diese Augenblicke, in denen die Welt um sie herum verblasste und die Figuren aus den Romanen Gestalt annahmen oder wenn sie in einem Passanten einen weisen Magier oder einen tapferen Krieger sah. Aus einer normalen Häuserschlucht wurde ein steiles Gebirge und ein Park verwandelte sich in einen undurchdringlichen Wald. Dann erwies sich ihre Fantasie stärker als die Realität.
„Alexandra, träum‘ nicht! „Alexandra, pass auf!“ „Alexandra, hör‘ zu…” Manchmal kam es ihr so vor, als sprächen Erwachsene sie nur so an, ob nun in der Schule oder zuhause. Später, dachte Alexandra in Momenten wie diesen, später schreibe ich selbst Fantasy-Romane und werde berühmt. Ihr werdet schon sehen. Aber bis dahin lagen ihr noch einige Hindernisse im Weg: die Schule zum Beispiel.

*

Am Morgen fiel leichter Nieselregen, aber Alexandra fuhr wie immer mit dem Fahrrad zur Schule. Ihre beste Freundin Viktoria saß bereits an ihrem Platz.
„Hey, am Samstag ist Flohmarkt am Einkaufszentrum!“, rief sie Alexandra entgegen.
„Oh super, da finden wir sicher wieder tolle, ganz alte Bücher!”
„Ja, beim letzten Mal haben wir doch für ein paar Euro die Elfental-Reihe gekauft, bei der abgedrehten Frau mit dem komischen Hut. Wir finden bestimmt wieder so was“, fuhr Viktoria fort. Dann lächelte sie unschuldig. „Hast du die Matheaufgaben?”
„Na ja, versucht.” Alexandra holte ihr Heft heraus. „So zwischen zwei Kapiteln im letzten Elfen-Roman. Alles habe ich aber nicht. Geometrie finde ich sowieso total doof. Erdkunde ist da schon besser. Weißt du noch, wie wir die Landkarte von unserem Fantasieland gezeichnet haben?“
Viktoria nickte und blätterte im Matheheft. „Mhm. Besser als nichts. Ich schreibe schnell ab, okay?“
Während Viktoria eifrig in ihr eigenes Heft kritzelte, füllte sich der Klassenraum.

*

Am Samstag war schulfrei. Alexandra wachte trotzdem früh auf, weil ihr kleiner Bruder Jonas schon im Zimmer rumorte. Sie seufzte. Ein eigenes Zimmer wäre traumhaft. Mit fünfzehn brauchte ein Mädchen einfach ein eigenes Zimmer. Was soll denn werden, wenn irgendwann mal ein Typ in ihr Leben träte, so einer wie Lukas aus der Elften, der mit seinen langen schwarzen Haaren und dunkelgrünen Augen so unverschämt gut aussah? Aber Lukas schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Zum Märchenprinzen eignete er sich trotzdem, dem Äußeren nach zu urteilen. Vielleicht war er ja ein verzauberter Prinz, man wusste ja nie. Es mussten ja nicht immer schleimige Frösche sein, oder? Alexandra musste über sich selbst lächeln. Manchmal spinne ich wirklich, dachte sie und schwang sich aus dem Bett.
Jonas saß auf dem Boden und hantierte mit seinem MP3-Player. Als sie gähnte und sich mit den Fingern durch die dunkelbraunen Haare fuhr, sah er auf und grinste sie an. „He, Schwesterherz.”
„Guten Morgen.”
„Habe ich dich geweckt?”
„Nein, ich wollte heute früh aufstehen. Ich gehe mit Viktoria zum Flohmarkt.”
Das hätte sie besser nicht gesagt.
„Oh, Mann, da möchte ich mit!”
„Muss das sein?”
Jonas interessierte sich weniger für Bücher, sondern wühlte nur stundenlang an irgendwelchen Ständen mit Spielen, Computerkram und Modellflugzeugen herum. Und wenn er dabei war, musste sie die ganze Zeit auf ihn aufpassen. Dabei war er doch schon elf.
„Darf ich mit? Bitte! Wir brauchen nur zusammen hinzugehen und treffen uns am Schluss wieder. Ich weiß ja, dass ihr nur olle Bücher anschauen wollt.”
Alexandra nickte gnädig.
„Dann zieh‘ dich aber jetzt an. Ich will gleich nach dem Frühstück los.”
Bevor Jonas ihr zuvorkommen konnte, lief sie schnell ins Bad und stellte sich unter die Dusche.

Ihr Vater hatte frische Brötchen geholt. Jonas schaffte es wie immer zwischen zwei Löffeln Cornflakes und einem Bissen in sein Schoko-Croissant drauflos zu plappern, hauptsächlich, um ihren Eltern einen Taschengeldvorschuss abzuschwatzen, damit sich der Flohmarktbesuch überhaupt lohnte. „Da kriege ich ganz billige Spiele!”
Alexandra zählte ihr Geld. Zwanzig Euro hatte sie eingeplant. Dafür konnte sie mit ein wenig Verhandlungsgeschick schon genug neues Lesefutter bekommen.
„Gut, ihr zwei, dann viel Spaß”, sagte ihre Mutter. “Alexandra, pass bitte auf Jonas auf. Kommt zum Mittagessen wieder, also gegen eins.”
„Ja, ja”, murmelte Alexandra und schlüpfte in ihre Jacke.
Jonas rannte schon zur Tür.

Draußen schien die Sonne und der Himmel war kornblumenblau. Als sie das Fahrradschloss öffnete, betrachtete Alexandra das Mehrfamilienhaus.
Ihre Eltern hatten schon so oft darüber gesprochen, sich eine größere Wohnung zu suchen, aber bei den hohen Mieten lag das in weiter Ferne. Papa verdiente als Buchhalter nicht so viel und Mama hatte nur einen Minijob in einem Reisebüro.
„Komm, wir holen Viktoria ab”, sagte sie zu Jonas.
Viktoria hatte wenigstens ein eigenes Zimmer. Dafür hatte sie keinen Bruder. Aber damit war sie eigentlich sogar besser dran. Manchmal war Jonas die reinste Nervensäge.
Sie radelten nebeneinander, denn es waren kaum Autos unterwegs. Nach zehn Minuten kamen sie in Viktorias Straße in der Reihenhaussiedlung an. Kaum dass Alexandra den Klingelknopf berührt hatte, riss ihre Freundin die Tür auf.
„Hi, Alex! Oh, Jonas! Schön, dass du mitkommst.”
„Er hat versprochen, uns nicht zu stören”, sagte Alexandra sofort.
„Ja, kein Problem. Du weißt doch, ich mag deinen kleinen Bruder. Los geht’s.”
Bis zum Einkaufszentrum war es nicht mehr weit. Auf der Wiese hinter dem Parkplatz hatten die Händler ihre Stände bereits aufgebaut und die ersten Kunden schlenderten über den Markt. Viktoria schlang ihr Kettenschloss um die Vorderreifen der drei Räder und steckte den Schlüssel ein. Alexandra sah auf die Uhr.
„Also, wir haben fast zehn. Um halb eins treffen wir uns wieder hier, okay?”
Jonas nickte. Er spähte bereits nach Sachen, die ihn interessierten und rannte ihnen voran auf den Markt.
Zuerst sah es nicht so aus, als ob sie diesmal Glück hätten. Die meisten Bücher hatten sie beim letzten Flohmarkt schon gesehen. Viktoria fand immerhin einen Band mit isländischen Sagen und handelte mit dem Verkäufer, bis sie das Buch für zwei statt für vier Euro bekam. Alexandra ging schon weiter zum nächsten Stand. Ein junger Mann mit schwarzen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren hatte es sich auf seinem Klappstuhl bequem gemacht und schmökerte in einem Wälzer. Dieser Typ quatschte sie bestimmt nicht gleich an, um ihr etwas aufzudrängen.
Die Bücher waren in Kartons gestapelt und es gab jede Menge zu wühlen. Viktoria kam nach ein paar Minuten dazu und nahm sich den Karton neben Alexandra vor.
„Kathrin Allfrey, ‘Taube unter Falken'”, sagte sie.
„Haben wir doch schon mal aus der Bücherei geliehen.” Alexandra zog ein anderes Buch heraus. „Wolfgang und Heike Hohlbein, ‘Märchenmond'”.
„Kennen wir schon längst, ist doch uralt”, antwortete Viktoria mit einem Grinsen.
„Bald haben wir alles durch, was es gibt.“ Alexandra seufzte. „Und was dann?”
„Dann hilft nur noch selbst schreiben.“ Viktoria gab ihr einen Schubs.
„Vielleicht habe ich noch was für euch”, mischte sich der Verkäufer ein. Er stand auf und warf dabei seinen langen Zopf mit einer Handbewegung nach hinten. Der Mann war groß und knochig, mit dünnen Armen und Beinen, die seine Bewegungen eckig wirken ließen. Als er sich über einen Karton am Rand seiner Ansammlung von Kisten beugte, fiel sein Zopf wieder nach vorne.
„Ihr sucht was wirklich Ausgefallenes? Könnt ihr haben. Mein Opa hat mir noch uralte Bücher mitgegeben, die schon ewig auf dem Dachboden in einer Truhe gelegen haben. Die war schon voller Spinnweben. Da.”
Er hielt Viktoria ein dünnes, fleckiges Buch hin, das schon ziemlich zerfleddert aussah. „So was habt ihr noch nicht gelesen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, als ich damit angefangen habe.“ „Seefahrergeschichten”, las Viktoria laut vor und lachte. „Sorry, da stehen wir nicht drauf. Haben Sie nicht noch Märchen oder Sagen auf Lager?“
„Hab ich auch.”
Er suchte weiter in der Kiste, wirbelte dabei dicken Staub auf und hustete theatralisch, als er ihnen noch ein paar Bücher reichte.
Das Buch, das Alexandra ihm aus der Hand nahm, war auf den ersten Blick völlig unscheinbar. Doch sobald sie den eingerissenen Umschlag aus braunem Packpapier berührte, kribbelte es in ihren Fingern als stünde er unter Strom. Vorsichtig schlug sie es auf. ‘Der Garten des Einhorns’ entzifferte sie die verschnörkelten Buchstaben. Der Name des Autors fehlte. Eigentlich hätte schon die altmodische Schrift ausgereicht, um das Buch wieder im Karton verschwinden zu lassen, aber … Sie blätterte weiter. Behutsam, denn die Seiten waren vergilbt und brüchig.

>So vermochte Tjan in seinem Ungestüm und Leichtsinn der verlockenden Schönheit des verzauberten Gartens nicht zu widerstehen und stieg über den Zaun. Sein Schicksal schien damit besiegelt …> stand dort geschrieben.

Alexandra starrte auf den Text. Ein Bild tat sich vor ihr auf: ein niedriger roter Zaun, hinter dem ein märchenhafter Garten lag. Fremdartige Früchte hingen von Bäumen mit blauen Blättern, im kniehohen Gras blühten übergroße Mohnblumen. Sie sah, wie ein Junge über den Zaun kletterte und zwischen den Bäumen verschwand.
Alexandra wurde es plötzlich kalt in der Magengegend. Sie erschrak. Es war ein seltsames Gefühl, verheißungsvoll einerseits, Furcht erregend andererseits. Sie wusste, dass ihr dieses Buch gehören musste.
„Wie viel?”, fragte sie und versuchte, die Erregung in ihrer Stimme zu unterdrücken. Der Händler musste ja nicht merken, wie groß ihr Interesse war, sonst nannte er nur einen hohen Preis. Ihre Hände zitterten leicht. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des jungen Mannes. Oder bildete sie sich das ein?
„Zwei Euro”, sagte er, und sah plötzlich wieder so gleichgültig drein wie vorher.
„Zwei Euro?”, wiederholte Alexandra ungläubig. „Aber das Buch ist schon sehr alt.”
Viktoria schubste sie wieder. „Sei doch still“, flüsterte sie. „Ist doch klasse.”
„Zwei Euro. Mehr möchte ich nicht für … für dieses Buch.“
Alexandras Herz raste. Ihr Mund war plötzlich staubtrocken.
„Ich nehme es”, sagte sie und klemmte das Buch unter den Arm, um nach ihrem Geld zu suchen. Sie zog ihr Portemonnaie heraus und drückte dem Mann schnell die Münze in die Hand. Sie hatte plötzlich Angst, dass er es sich anders überlegen könnte oder aber ein anderer Käufer käme und den zwanzigfachen Preis böte. Vorsichtig steckte sie das Buch in ihren Rucksack. Erst als sie es sicher verstaut hatte, ließ das Herzklopfen nach. Am liebsten hätte sie es sofort gelesen, Flohmarkt hin oder her. Nein, dachte sie, ich spare es mir für heute Abend auf, als Krönung des Tages.

Viktoria grub noch ein paar andere interessante Bücher aus den Kartons, fast alle fantastische Erzählungen von Autoren, die sie nicht kannten. Aber keines löste bei Alexandra dasselbe Kribbeln aus wie „Der Garten des Einhorns“. Zufrieden gingen sie schließlich weiter und genossen ihren Bummel über den Flohmarkt, bis es fast halb eins war. Alexandras Gedanken jedoch kreisten immer wieder um den besonderen Schatz in ihrem Rucksack.
„Na, wie war’s auf dem Flohmarkt?“, fragte ihre Mutter, als sie die Tomatensuppe austeilte.
„Super, ich hab sogar ein neues Spiel ganz billig bekommen“, prahlte Jonas. „Da waren so viele Sachen, aber man kann ja nicht alles haben.“ Er seufzte und Alexandra lachte.
„Seit wann bist du so altklug?“, neckte sie ihn.
„Mama, was ist altklug?“, wollte Jonas wissen.
„Altklug sind Kinder, die meinen, sie müssten wie Erwachsene reden“, erklärte Alexandra schnell.
„Du bist doof!“ Er streckte ihr die Zunge heraus, rot von Tomatensuppe.
Alexandra lächelte nur und wischte mit einem Stück Baguette den Rest Suppe aus ihrem Teller.
Beim Abspülen und Abtrocknen waren sie wieder friedlich vereint, und beide stöhnten, als die Eltern sie zum wochenendtypischen Zwangsspaziergang in den Siegauen aufscheuchten. Eine Stunde waren sie unterwegs, aber während Jonas die Enten ins Wasser jagte und mit den Eltern auf dem Weg Fußball spielte, kreisten Alexandras Gedanken nur um ihr Buch.
Jonas schoss ihr den Ball vor die Füße. „Mach doch mit!“
Sie gab dem Ball einen müden Kick. „Ich habe jetzt keine Lust.“ Wenn das doch nicht die Siegauen wären, sondern der geheimnisvolle Garten hinter dem roten Zaun.
Jetzt aber, dachte Alexandra, als sie wieder zurückkamen. Sie zog ihre Schuhe aus, nahm sich ein Glas Apfelsaft aus der Küche und ging in ihr Zimmer. Sie machte es sich auf ihrem Bett gemütlich und öffnete den Rucksack. Ihre Finger kribbelten wie beim ersten Mal, als sie den Einband berührten. Es war ein angenehmes Gefühl, nicht bedrohlich, sondern verheißungsvoll. Alexandra hielt das Buch in der Hand und betrachtete es in Ruhe. Der rissige Einband ließ es ärmlich aussehen, sogar irgendwie traurig. Gerade wollte sie es aufschlagen, da klingelte im Flur das Telefon.
„Alexandra! Für dich!“, rief ihre Mutter.
Alexandra stand unwillig auf und legte das Buch behutsam auf das Bett. Auch das noch. Wenn es Viktoria war, konnte sie sie auf später vertrösten.
„Es ist Cordula“, sagte ihre Mutter leise, als sie ihr das Telefon in die Hand drückte.
„Hi, Alex! Endlich hab ich mal Zeit, mich bei dir zu melden. War alles so stressig mit dem Umzug und so.“ Cordula klang fröhlich und ein bisschen außer Atem, so wie immer. Alexandra musste lächeln. Sie vermisste Cordula, auch wenn Viktoria ihre beste Freundin war. Sie hatten oft etwas zu dritt unternommen, bis Cordula vor ein paar Wochen plötzlich umziehen musste, weil ihre Mutter eine neue Stelle in Hamburg angenommen hatte.
„Kann ich mir vorstellen“, stimmte Alexandra ihr zu. „Und wie ist es jetzt in der neuen Wohnung und in der neuen Schule? Du hast ja bisher kaum was geschrieben.“
„Sag ich ja, keine Zeit, nicht mal fürs Internet. Aber jetzt wird’s langsam. Die Wohnung ist echt schön, in Eppendorf, das ist ein schicker Stadtteil hier. Mama ist total zufrieden mit ihrem neuen Job. Die Schule, na ja, ein paar von den anderen sind schon ziemliche Schnösel.“ Cordula kicherte. „Aber es sind auch nette Leute dabei. Du musst mich unbedingt bald besuchen kommen.“
„Ja, vielleicht in den Herbstferien und zusammen mit Vicky“, meinte Alexandra sofort. Das wäre doch toll, Cordula wieder zu treffen und mal aus Sankt Augustin rauszukommen.

Als Alexandra auflegte, war es schon Zeit zum Abendessen, und um halb acht war sie mit Viktoria, Sylvia, Halil und Matthias fürs Kino in Siegburg verabredet. Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel, bevor sie aufbrach. Die dunklen, schulterlangen Haare und die dunkelblauen Augen waren das Beste an ihr, fand sie. Die Nase war zu groß, die war Papas Erbe. Und ein paar Kilo weniger täten ihr auch ganz gut, besonders am Hintern. Alexandra seufzte. Lukas drehte sich zwar nicht nach ihr um, aber die Jungs in ihrer Klasse waren ja auch ganz nett.

Der lustige Film gefiel allen. Danach gingen sie noch in ihren Lieblingsladen in der Marktpassage. Es war halb zwölf, als Alexandra nach Hause kam. Jonas schlief schon. Keine Chance zum Lesen. Wenn sie ihre Nachttischlampe anknipste, wurde er bestimmt hellwach und beschwerte sich. Alexandra putzte sich die Zähne und war schon ins Bett gekrochen, als sie noch mal aufstand und im Dunkeln nach dem Buch auf dem Schreibtisch griff. Wieder spürte sie das schwache Kribbeln in ihrer Hand. Ihre Finger glitten über das raue Packpapier und durch einen Riss im Umschlag über den eingestanzten Titel auf der Vorderseite. Das Papier war mürbe und staubig. Vorsichtig schob sie das Buch unter ihr Bett und kuschelte sich in ihre Decke.

Der Garten lag vor ihr. Die großen Bäume mit den blauen Blättern boten Schatten in der Mittagshitze und sie sah sogar einen Brunnen. Hinter den Bäumen erhoben sich sanft geschwungene Hügel, wie gemalt. Ihr Mund war trocken. Der rote Zaun war niedrig, es wäre kein Problem, darüber zu springen. Bis auf den Wind, der die Blätter zum Rauschen brachte, rührte sich nichts im Garten. Sie stand auf einer Wiese, das Gras reichte ihr fast bis zum Knie. Es duftete nach Blumen und Sommer. Eine leichte Brise strich ihr zärtlich über das Gesicht. Insekten summten. Noch einen Schritt trat sie näher an den Zaun. Ihr Herz klopfte laut.

Alexandra schreckte hoch und saß kerzengerade im Bett. Es war dunkel im Zimmer und bis auf die regelmäßigen Atemzüge ihres Bruders war es still. Ihr Herz schlug wie wild. Es ist doch noch nicht mal was Schlimmes passiert, dachte sie verwirrt, das war doch kein Alptraum. Komisch. Sie legte sich wieder hin und schloss versuchsweise die Augen. Der Wecker tickte neben ihrem Ohr. Alexandra tastete danach und warf einen Blick auf das Leuchtzifferblatt. Kurz nach drei. Viel zu früh. Sie seufzte und schloss wieder die Augen. Aber obwohl sie müde war, konnte sie nicht wieder einschlafen. Unruhig warf sie sich im Bett hin und her, und es half nicht einmal, dass sie sich eine lange Geschichte ausmalte. Immer wieder griff sie nach dem Wecker und wunderte sich, wie langsam die Zeiger vorwärts krochen. Zwanzig nach drei. Fünf vor halb vier. Drei nach halb vier. Sieben nach halb vier. Gegen vier dämmerte es und die ersten Vögel stimmten ihr Morgenkonzert an. Schließlich hielt Alexandra es nicht mehr aus, zog das Buch unter dem Bett hervor und stand auf. Sie griff sich einen Pulli, schlich hinaus ins Wohnzimmer, öffnete leise die Glastür und schlüpfte auf den Balkon. Der Himmel war noch grau, die Luft war frisch und unverbraucht. Auf der Straße rührte sich nichts, nur aus der Ferne kam schwach das Motorengeräusch eines Autos herüber. Der Balkonboden war kalt unter ihren nackten Füßen, so dass Alexandra sich auf einen Stuhl flüchtete. Bevor sie das Buch aufschlug, zog sie die Beine an und steckte die Füße unter ihr Nachthemd.

So vermochte Tjan in seinem Ungestüm und Leichtsinn der verlockenden Schönheit des verzauberten Gartens nicht zu widerstehen und stieg über den Zaun. Sein Schicksal schien damit besiegelt

Sie las diese Sätze dreimal, ihre Augen klebten an der Textpassage fest. Plötzlich kroch ihr ein seltsames Gefühl vom Magen in den Hals. Als ob auch ihr Schicksal besiegelt wäre, falls sie weiterlas. Wieder sah sie den roten Zaun und den Garten dahinter vor sich, sah wie der Wind sanft die Baumkronen bewegte. Sie sah den Brunnen und die großen roten Blumen im hohen Gras. Sie atmete tief durch, gab sich einen Ruck und las weiter.

Der Garten ist von einem nur niedrigen roten Zaun umgeben, der aber eine tückische Eigenschaft hat.

Ein roter Zaun! Sie zuckte zusammen und ließ fast das Buch fallen. Dreimal hatte sie den roten Zaun schon vor sich gesehen. Sie schluckte.

Der Garten ist von einem nur niedrigen roten Zaun umgeben, der aber eine tückische Eigenschaft hat. Gnom Scolf, der Hüter des Gartens, hat ihn mit einem Bann belegt. So kann jeder leicht von draußen über den Zaun steigen, aber zurück kann er nicht mehr. Der Bann zerschlüge ihn in zwei Stücke. Obwohl in den Feenwäldern schon die Kinder von ihren Eltern lernen, dass niemand über den Zaun steigen darf, wenn er nicht in die Gefangenschaft Scolfs geraten möchte, gibt es doch immer wieder Unwissende und Leichtsinnige, die ihr Schicksal herausfordern. Sie bleiben in dem zauberhaften Garten, in dem ewiger Sommer herrscht, aber ihr Schicksal ist trotzdem unglücklich. Denn Scolf benutzt sie für seine Zwecke, wenn er das Waldvolk um Lösegeld erpressen will. Kein Opfer ist ihm bisher entkommen, denn Scolf fordert so wertvolle Schätze, dass niemand sie je zusammentragen kann. Auch Tjan stand das Schicksal all jener bevor, die zuvor von Scolf in sein finsteres Höhlenlabyrinth verschleppt wurden, um Edelsteine zu schürfen. Dort waren sie schließlich elend zugrunde gegangen. Denn auch wenn Tjan zum Sonnenvolk gehörte, besaß er nicht die Macht, den Bann zu brechen und aus dem Garten zu fliehen.

Alexandra las von Waldmenschen, Elfen, Feen und Tieren, die in Scolfs tödliche Falle geraten waren und nicht mehr befreit werden konnten. Ungeduldig wartete sie darauf, dass Tjan wieder erwähnt wurde. Sie sog jedes Detail über ihn aus dem Buch, stellte ihn sich vor, bis sie das Gefühl hatte, er stünde neben ihr und sähe ihr über die Schulter in das Buch, verwundert, dort über sich selbst zu lesen. Sie las und las und bemerkte gar nicht, wie die Sonne aufging.

„Alexandra! Du bist schon wach?“
Sie erschrak so sehr, dass sie das Buch fallen ließ.
„Ich … oh, ich habe nur gelesen“, stotterte sie und bückte sich nach dem Band.
„Das sehe ich“, meinte ihr Vater trocken. „Du lebst bald nur noch in deinen Büchern! Komm‘. Wir haben uns schon gewundert, wo du bist.“
Alexandra duschte, zog sich an und verschlang ihr Frühstück, um möglichst schnell wieder weiterlesen zu können. Sie musste mit Jonas den Abwasch machen, aber danach flüchtete sie sich mit ihrem Buch wieder auf den Balkon. Inzwischen war es warm geworden, und Alexandra klappte zuerst den Sonnenschirm auf, bevor sie wieder in der fremden Welt versank. Das letzte Kapitel kam viel zu schnell.

Wer wird den Mut fassen, in die Feenwälder von Mondthal zu kommen und den Garten des Einhorns von seinem Fluch zu befreien? Diese Aufgabe ist nicht so unüberwindlich, wie sie scheinen mag, denn auch Scolf ist besiegbar. Seine Macht steckt allein in seinem Armreif. Doch den Weg nach Mondthal kennen nur die letzten Abgesandten der Feenwälder und nach so vielen Jahren glaubte niemand mehr, dass tatsächlich ein Mensch kommen und den Fluch des Gartens beenden konnte.

Mehr war nicht nötig. Alexandra legte das Buch beiseite, schloss die Augen und stellte sich vor, wie sie Tjan im Garten des Einhorns traf und schließlich in Scolfs finstere Höhle schlich.

*

Am Montag brachte Alexandra das Buch mit in die Schule und gab es Viktoria. Alexandra konnte es kaum erwarten, mit ihr über die Geschichte zu sprechen. Es war eine ungeschriebene Regel zwischen ihnen, dass keine der anderen etwas über ein Buch verriet, bevor sie es nicht beide gelesen hatten. Mit einigen Bemerkungen steigerte sie Viktorias Neugier so, dass ihre Freundin in der Französischstunde das Buch hervorholte und unter dem Tisch aufschlug.
Am Ende der Stunde hatte sie schon den ersten Teil gelesen.
„Schon seltsam“, meinte sie. „Eigentlich ist die Story nicht so toll, da kenne ich bessere. Und das Buch ist auch nicht so wahnsinnig gut geschrieben, aber es hat was.“
Endlich gongte es zum Ende der sechsten Stunde und die Mädchen schlenderten langsam zum Fahrradständer.
„Willst du heute zu mir kommen?“, fragte Viktoria. „Wir können zusammen was essen, Hausaufgaben machen und über das Buch reden.“
Alexandra war sofort einverstanden und so radelten sie in den Tulpenweg. Sie brieten Fischstäbchen, machten einen Salat dazu und setzten sich auf die Terrasse.
„Weißt du was? Ich habe irgendwie das Gefühl, dass die Geschichte wahr ist“, meinte Alexandra und zerteilte ein Fischstäbchen mit der Gabel. Sie vermied es dabei, Viktoria anzusehen. Denn obwohl sie beide solche Fantasy-Fans waren, war es doch ein starkes Stück, ein Märchen für bare Münze zu nehmen. Viktoria schwieg einen Moment und kaute an ihrem Salatblatt. Schließlich nickte sie.
„Normalerweise hätte ich jetzt gesagt, dass du spinnst. Aber bei diesem Buch ist es etwas Anderes. Es … Ich hatte so ein komisches Gefühl beim Lesen.“
„Und ich habe sogar von dem Buch geträumt, noch bevor ich es gelesen habe. In meinem Traum stand ich vor dem Garten, und der sah genauso aus, wie er dann im Buch beschrieben war!“
Sie ließ die Gabel mit dem halben Fischstäbchen daran sinken.
„Kann diese Story wahr sein? Ist dieser Garten wirklich irgendwo?“
Viktoria zuckte mit den Achseln. „Aber das gibt es doch nicht“. Sie stocherte in ihrem Salat und sah auf ihren Teller.
Sie glaubt, ich spinne, dachte Alexandra. Wahrscheinlich hat sie recht. Aber als ich das Buch gelesen habe, war alles so real. Und warum hatte ich das Gefühl, Tjan steht neben mir? Warum habe ich den Garten vor mir gesehen?
Viktoria seufzte und sah auf. „Eigentlich ist es totaler Quatsch, aber irgendwie … ich weiß nicht. Es ist schon komisch, wie das Buch auf einen wirkt. Aber ich habe nicht vom Garten geträumt.“
Sie lächelte. „Weißt du noch, wie wir den Anfang des Regenbogens suchen wollten? Wie wir mit den Fahrrädern los sind und als der Regenbogen weg war, waren wir so weit gefahren, dass wir gar nicht mehr wussten, wie wir zurückkommen?“
Alexandra nickte. Sie waren elf Jahre alt gewesen. „Der Regenbogen war toll. Er sah gar nicht so weit weg aus.“ Sie machte eine Pause. „Meinst du, wir sollten jetzt dieser Geschichte nachgehen? Vielleicht finden wir den Autor?“
„Ja”, antwortete Viktoria ohne zu zögern. „Und zuerst sollten wir mit dem Typen vom Flohmarkt sprechen.“
„Wir wissen aber nicht mal, wie er heißt“, überlegte Alexandra laut. „Also müssen wir wohl auf allen Flohmärkten in der Gegend nach ihm suchen.“

*

 Seit diesem Tag kannten Alexandra und Viktoria nach der Schule kein anderes Thema mehr. Sie entwarfen einen Plan des verzauberten Gartens, skizzierten den Gnom und Tjan und dachten sich Strategien aus, um an den Armreif zu kommen. In manchen Nächten träumte Alexandra so lebhaft von Tjan, dass sie beim Aufwachen nur noch fester davon überzeugt war, dass er existieren musste, irgendwo, und wenn es noch so weit fort war. Zusammen arbeiteten sie an einer Fortsetzung des Buchs. Es war ein neues, aufregendes Spiel, aber vor ihren Familien und Schulfreunden hielten sie es geheim, um nicht ausgelacht zu werden.

Jedes Wochenende studierten sie den Veranstaltungskalender in der Zeitung und radelten alle Flohmärkte der Umgebung ab. Allerdings trafen sie nie auf den schwarzhaarigen Mann mit dem Pferdeschwanz. Schließlich fuhren sie an einem Samstagvormittag im Juli kurz vor den Ferien mit der Straßenbahn nach Bonn zum großen Flohmarkt in der Rheinaue.

Die Sonne schien, es war heiß, und auf dem riesigen Markt drängten sich die Menschen zwischen den dicht aneinandergereihten Ständen. Alexandra und Viktoria mussten aufpassen, dass sie sich nicht aus den Augen verloren. Sie fanden sogar ein paar neue Bücher. Als die ersten Händler am Nachmittag schon mit dem Abbau begannen, packte Alexandra Viktorias Arm. „He, das ist er doch. Der da drüben! Mit dem Zopf.“
Viktoria sah in die falsche Richtung. „Wo?“
„Na da!“
„Stimmt. Das ist der Typ. Also los!“

Er saß genau wie bei ihrer ersten Begegnung auf seinem Klappstuhl, umgeben von ein paar Kisten, unberührt von dem Trubel um ihn herum, und las in einem seiner abgegriffenen Bücher.
„Hallo“, sagte Viktoria.
Der Händler sah auf und lächelte.
„Ah, die Fantasy-Fans. Na, sucht ihr neuen Lesestoff?“
„Na ja …“ Viktoria sah Alexandra an.
Obwohl sie sich diese Situation hundertmal ausgemalt hatten, fiel es ihnen schwer, den Mann auf das Buch anzusprechen. Was war, wenn er sie nur auslachte? Alexandra fasste sich schließlich ein Herz.
„Wir haben noch eine Frage zu dem Buch, das Sie uns letztes Mal verkauft haben.“
„Ich habe so viele verkauft. Welches war es denn?“
„Der Garten des Einhorns.“
„Ach so. Ja?” Er sah sie aufmerksam an. „Wollt ihr es zurückbringen?“
„Zurückbringen?“, echote Viktoria überrascht.
„Alle, die dieses Buch bei mir gekauft haben, haben es zurückgebracht. Sie … Sie mochten es nicht besonders.“
Er legte den Band, in dem er gelesen hatte, beiseite und betrachtete die Mädchen.
„Wir wollen das Buch nicht zurückbringen“, sagte Alexandra. „Es hat uns sehr gut gefallen. Wir möchten nur gerne noch mehr darüber wissen. Woher es kommt, wer es geschrieben hat und so.“
„Es scheint von weit her zu kommen“, antwortete der Mann. Alexandra starrte ihn an. Seine schwarzen Haare glänzten in der Sonne. Er schob seinen Pferdeschwanz nach hinten. In seinen dunklen Augen las sie ein Interesse, das vorher nicht da gewesen war.
Plötzlich hatte Alexandra nicht mehr das Gefühl, auf einem belebten Flohmarkt zu stehen. Die Geräusche um sie herum verebbten langsam und wurden so leise, dass sie kaum noch wahrnehmbar waren. Es war, als hätte jemand einen Vorhang zwischen sie und den Rest der Welt gezogen. Alles hinter dem Vorhang lag unter einem milchigen Schleier, auch der Händler und Viktoria. Es fröstelte sie. Aber diese Geschichte ist mir so nah, dachte sie. Es ist meine Geschichte und es kann nicht falsch sein, wenn ich ihr folge. Sie nahm ihren Mut zusammen und sah den Mann an.
„Sie wissen es.“
„Und wenn ich es weiß?“, fragte er.
„Verraten Sie uns den Weg?“, flüsterte Viktoria. „Wer sind Sie?“
„Ihr wisst, wer ich bin, wenn ihr das Buch gelesen habt, nicht wahr?“ Er lächelte. „Glaubt ihr daran? Vielleicht ist Mondthal euer Schicksal.“
Alexandra nickte. „Ja. Und wir wollen es probieren, bitte helfen Sie uns.“
„Es gibt einen Weg in die Feenwälder, aber niemand hat mich je danach gefragt“, sagte der Händler und beugte sich zu ihnen vor. „Ich habe das Buch in den letzten Jahren oft verkauft, aber jeder hat es bisher zurückgebracht. Oder es kam zu mir zurück, wenn ein Käufer es verschenkt oder weiterverkauft hatte. Hört mir gut zu. Der Sprung durch das Tor der Zeit ist nicht schwer, aber ich weiß nicht, wie ihr den Weg zurück findet.“
Alexandra sog jedes Wort in sich auf. In ihrem Kopf schwirrte es. Das Märchen wurde wahr. Sie konnten die Feenwälder besuchen … Aber zurück … Es gab immer ein Zurück, jedenfalls in den Geschichten, die sie bisher gelesen hatte. Es musste ein Zurück geben, nicht wahr?
„Wo ist dieses Tor?“, fragte sie atemlos. Sie hatte das Gefühl, sie müsste jetzt handeln, sofort, bevor die Bedenken sie einholen konnten.
„Das Tor ist da, wo ich bin, denn ich bin ein Hüter des Tors der Zeit“, sagte er und sah sich um. „Aber der Flohmarkt ist kein guter Ort. Wenn ihr tatsächlich wollt, dass ich es euch zeige, dann kommt heute Abend zurück.“
Alexandra sah ihm in die Augen und er wich ihrem Blick nicht aus. Seine Augen erschienen ihr plötzlich fremdartig, fast schwarz.
„Wo finden wir Sie?“
Der Mann lächelte. „Du bist sehr entschlossen. Ihr findet mich nach dem Ende des Flohmarktes am Eingang des japanischen Gartens. Um 19 Uhr.“
Alexandra nickte wieder.
„Ich weiß, wo der japanische Garten ist“, meinte Viktoria schnell.
„Gut, dann bis später“, sagte Alexandra, aber sie wandte sich nur zögerlich zum Gehen. Vielleicht machte sich der Händler nur einen Spaß mit ihnen. Wahrscheinlich kam er gar nicht zum japanischen Garten. Als habe jemand den Ton eingeschaltet, hörte sie wieder die Stimmen und Geräusche um sich herum und der Nebelschleier löste sich auf. Sie spürte, wie die Enttäuschung in ihr hochstieg. Sie hatte das Gefühl, Tjan für einen Moment so nahe gekommen zu sein. Doch dieser Moment war verstrichen und der Traum von den Feenwäldern rückte wieder in unerreichbare Ferne. Der Händler lehnte sich in seinem Klappstuhl zurück, aber er musterte sie noch immer intensiv.
Viktoria zog an ihrem Arm. „Lass uns weitergehen, damit wir ungestört reden können“, murmelte sie.
Sie gingen über den sich leerenden Markt in Richtung Rhein. Alexandra sah auf ihre Uhr. Es war kurz vor sechs.
„Der Typ ist mir irgendwie unheimlich“, brach Viktoria das Schweigen.
„Echt? Ich glaube eher, der macht sich über uns lustig“, antwortete Alexandra.
„Willst du wirklich nachher zum japanischen Garten gehen?“
Alexandra zögerte kurz. „Ja, möglicherweise ist es die einzige Chance, auch wenn wir uns am Ende nur lächerlich machen.“
Sie seufzte. „Es zieht mich in dieses Buch hinein, ich kann nichts daran ändern. Ich möchte diese Welt unbedingt sehen.“ Sie erwähnte Tjan nicht, weil sie Angst hatte, rot zu werden.
„Aber vielleicht ist es gefährlich, sich mit diesem fremden Mann abends im Park zu treffen“, warnte Viktoria. „Vielleicht will er uns in eine Falle locken.“
Alexandra winkte ab. „Ach, Unsinn, wir sind zu zweit, und abends um sieben ist die Rheinaue doch noch nicht menschenleer. Hell ist es auch noch. Wir können ja mal hingehen und gucken. Und wenn uns irgendwas verdächtig vorkommt, hauen wir ab.“
„Okay. Ich bin ja auch neugierig. Das ist alles so verrückt“, gab Viktoria zu.
Alexandra musste lachen. „Ja, ein echtes Abenteuer. Ich wollte schon immer Abenteuer wie in all diesen Büchern erleben.“
„Stell dir vor, wir kommen tatsächlich in die Feenwälder und bringen das Zauberarmband mit zurück. Da werden die anderen staunen! Sowas hat noch keiner erlebt“, spann die Freundin den Gedanken weiter. „Dann können wir wirklich einen tollen Fantasy-Roman schreiben.“
Und ich könnte Tjan begegnen, dachte Alexandra.

Nervös und gespannt standen sie schon kurz vor sieben am Eingang zum japanischen Garten. Auf den Hauptwegen der Rheinaue waren noch viele Menschen unterwegs, aber der Garten hinter seinem Tor lag ruhig und verlassen da.
„Meinst du, er kommt?“, fragte Viktoria aufgeregt.
„Ich weiß nicht. Ich hoffe es.“
Alexandras Herz schlug einen Takt schneller vor Nervosität, als sie den Flohmarkthändler sah. Er schlenderte langsam in ihre Richtung, wie ein harmloser Spaziergänger. Sie presste das schmale Buch zwischen ihren Händen zusammen.
Schließlich stand der Mann vor ihnen. Er schüttelte den Kopf, leicht amüsiert, wie ihr schien.
„Ihr meint es ernst.“
„Natürlich“, sagte Alexandra ein wenig verärgert. „Wenn Sie uns nur veralbern wollen, sagen Sie es gleich. Dann verschwenden wir hier keine Zeit.“
Sein Lächeln verschwand. „Nein.“
„Seit ich dieses Buch gelesen habe, lassen mich meine Träume nicht mehr los“, verriet Alexandra. „Ich muss es versuchen, so verrückt das auch klingt, verstehen Sie?“
„Ja, allerdings. Kommt, gehen wir hier rein.“
Er führte sie in den japanischen Garten. Alexandra hatte keinen Blick für die kunstvoll gestaltete Anlage mit ihren steinernen Pagoden und dem Bach. Sie waren ganz allein, aber Alexandra hatte keine Angst. Jetzt entschied sich, ob ihr Gefühl stimmte oder nicht, ob ihre Träume mehr waren als eben nur Träume. Ob es die Feenwälder gab oder nicht, ob sie Tjan gegenübertreten konnte oder nicht. Oder ob sie nur die größte Spinnerin aller Zeiten war. Tjan, der Garten, die Feenwälder. Sie starrte auf den Rücken des Mannes. Wahrscheinlich war das alles nur Unsinn, es konnte nicht wahr sein. Oder doch?
An einem Pavillon blieb der Mann stehen. Er bückte sich und nahm Kieselsteine vom Weg. Wortlos legte er daraus einen Kreis mit einem Dreieck in der Mitte.
„Wenn ihr in den Kreis tretet, kommt ihr in den Feenwäldern heraus. Ihr müsst nacheinander durchgehen“, sagte er schließlich und richtete sich auf, nicht ohne seinen Pferdeschwanz mit einer lässigen Bewegung nach hinten zu schieben.
Viktoria starrte auf das schlichte Muster aus Steinen.
„Das ist alles?“
„Wer geht zuerst?“, fragte Alexandra. Ihre Hände zitterten wieder. Vielleicht war der ganze Flohmarktbesuch nur ein Traum und sie wachte gleich in ihrem Bett auf. Konnte dieser Kreis wirklich das Tor zu einer anderen Welt sein oder war es nur ein blöder Witz des Händlers? Wahrscheinlich brach er in Gelächter aus, sobald sie nur einen Fuß in den Kreis setzten.
„Ich … Ich weiß nicht, ob ich das kann“, flüsterte Viktoria. „Ich … Ich habe Angst. Nachher …“
Alexandra spürte sofort, dass ihre Freundin nicht mehr durch das Tor gehen wollte. Die Zweifel waren schneller gewesen. Alexandra schluckte. Das konnte eigentlich nur ein Traum sein. Sie konnten doch gar nicht mit einem merkwürdigen Flohmarkthändler hier in der Bonner Rheinaue an einem Sommertag vor dem Tor zu einer anderen Welt stehen. Das gab es einfach nicht. Also hatte sie doch gar keinen Grund, Angst zu haben. Noch bevor sie es sich selbst anders überlegen konnte, drückte Alexandra Viktorias Hand.
„Ich tu’s. Ich komme bald zurück.“
Viktoria sah sie erschrocken an. Alexandra las die Angst in ihren braunen Augen.
„Alex, bleib hier, mach’s nicht!“ Sie versuchte, Alexandra von dem Kreis zurückzuziehen. Aber die stemmte sich dagegen.
„Das ist sicher nur ein spannender Traum. Komm doch mit.“
Noch einmal nickte sie der Freundin zu.
„Ich trau mich nicht.“ Viktoria schüttelte den Kopf. Alexandra ließ ihre Hand los. Auf einmal war es ihr völlig egal, ob der Händler sich gleich vor Lachen am Boden wälzte oder nicht. Sie fixierte den Steinkreis auf der Erde. Es war ein bisschen wie beim Sprung vom Fünf-Meter-Brett. Man musste es sofort tun und nicht lange hinunterschauen, sonst tat man es nie. Ihr Mund war wie ausgetrocknet und ihre Hände wurden feucht, aber sie schloss einfach die Augen und trat in das Dreieck im Kreis. Und hatte das Gefühl in die Tiefe zu stürzen, als sei der Kreis ein Loch ohne Boden. Das passiert alles nur in meinem Kopf, dachte sie. (…)

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